D

IE ARGUMENTE
  DER GEWALT

  
„Das Benehmen unserer
kleinen Verbündeten und auch
unser Betragen zeige nur ein einziges
Authorität zur Geltung zu kommen:
den Recht des Kräftigeren
.“

Oberstleutnant Vix aus Frankreich
  
  

     Nachdem das Verlieren des Weltkriegs immer mehr offenbar geworden war, fiel die Österreich–Ungarische Monarchie im Nu auseinander. Am 17. Oktober 1918 hat der Kaiser die Völker Österreichs in einem Manifest aufgefordert, ihre Nationalräte laut des Selbstbestimmungsrechts ins Leben zu rufen und Österreich zum Bundesstaat umzuformen.
     Der ungarische Ministerpräsident Sándor Wekerle verlautbarte, dass Ungarn sich laut des Gesetzes Sanctio Pragmatica vom 1723 mit dem Auflösen des Reiches von den Habsburgern als unabhängig betrachte, während Karl IV. der König bleibe. Ex-Ministerpräsident István Graf von Tisza hat aber zugegeben: „wir haben diesen Krieg verloren“. Am 24. Oktober wurde der Ungarische Nationalrat mit dem Vorsitz von dem gegen die Herrschaft der Anhänger des alten Feudalsystems durchgehend opponierenden Mihály Grafen von Károlyi, gegen das bis dann schon zurückgetretene Kabinett begründet. Károlyi und seine Kameraden haben ihr Programm in zwölf Punkten festgelegt
· Wechsel des derzeitigen Parlaments- und Regierungssystems;
· Erschaffen von dem unabhängigen Ungarn;
· Beendigung des Krieges und das Abbrechen der Allianz mit Deutschland
· allgemeines, gleiches und geheimes Wahlrecht;
· Erschaffen von Nationalitäten-Selbstregierungen;
· Organisations-, Versammlungs- und Pressefreiheit;
· allgemeine Amnestie;
· der Massenhungersnot vorbeugende schnelle Wirtschaftsreformen;
· Bodenverteilung;
· Anerkennen der neuentstandenen ukrainischen, polnischen, tschechischen, südslawischen und österreichisch–deutschen Nationalstaaten;
· die friedlichen Absichten der ungarischen Demokratie zeigendee Außenpolitik;
· Delegieren von Abrüstung befürwortender Vertreter zum Friedenskongreß.

     Der König hat mit seiner zögernden und heuchlerischen Verhalten das ungarische Volk immer mehr gegen sich gestimmt. Inzwischen hat Gyula Graf von Andrássy, der bis dahin der Außenminister war, ein Sonderfrieden–Antrag an die Entente gerichtet, in dem er die Unabhängigkeit von der Slowakei anerkannt hat. Damit hat er als erster auf die territoriale Einheit von Ungarn verzichtet.

     Am 30. Oktober ist die Revolution in Budapest ausgebrochen: die kollektive Kraft der auf der Seite des Nationalrates stehenden Soldaten und Arbeiter hat das Ernennen von Károlyi als Ministerpräsidenten am Morgen des nächsten Tages erzwungen.

    Am 3. November hat der „kaiserliche und königliche“ Generalstabschef in Padua im Namen der ganzen (in Wirklichkeit nicht mehr bestehenden) Österreich–Ungarischen Monarchie das Waffenstillstands-Abkommen unterzeichnet. Aber die Entente-Armee auf Balkan blieb nicht stehen, so ist eine ungarische Delegation mit der Führung von Károlyi nach Belgrad gereist, um sich dort mit dem französischen General Louis Franchet d'Esperey Verhandlungen zu führen. Sie waren gezwungen, auf die Bedingungen vom General einzugehen, also haben sie am 13. die Vereinbarung unterschrieben, die die provisorische Grenze auf der Linie Fluss DrauFünfkirchenBajaMaria–Theresiopel (Subotica)Fluss MiereschMarosvásárhely (Tîrgu Mureº)Beszterce (Bistriþa)Fluss Szamos gezogen hat.

    Obwohl Karl IV. die Möglichkeit einer Zurückkehrung erhalten hat, dankte er am 13. November ab, der Reichstag hat sich aber aufgelöst. So hat der Nationalrat die gesetzgebende Gewalt übernommen, der in seinem ersten Volksbeschluß erklärt hat: „Ungarn ist von jedem anderen Land unabhängige und selbständige Volksrepublik“.
    Die Lage war, wie auf außenpolitischem Gebiet, auch inländisch nicht eben rosig: die Entente-Blockade hat die sowieso nicht leichte Stabilisierung noch schwerer gemacht, aber es ist gelungen, wenigstens die massenweise Hungersnot zu vermeiden. Im Januar 1919 wurde Károlyi zum Republikpräsidenten ernannt, das Amt des Regierungschefs hat aber Dénes Berinkey bekleidet.

     Am 20. März hat der französische Oberstleutnant Ferdinand Vix eine verhängnisvolle Note aus Paris gebracht, die die ungarische Streitkräfte im Osten überall um fünf Kilometer hinter die Theiß verwiesen hat. Die so freie Hand bekommenen Rumänen haben den Fluss sowieso als natürliche Landesgrenze betrachtet. Die Regierung hatte zwei Möglichkeiten: das Zurückziehen der Soldaten, dann den riesigen Volkswut — oder die Resistenz und damit die Gefahr eines neuen Kampfes. Das Kabinett ist sofort, sein Amt an eine reine sozialdemokratische Regierung abgebend, zurückgetreten; aber bis auf weiteres blieb Károlyi das Staatsoberhaupt. Zuerst wurde die „Vix–Noteabgeschlagen, dann haben die Sozialdemokraten mit den früher festgenommenen Leitern der am Ende November gegründeten Partei von Ungarn der Kommunisten vereinbart, und sie haben die Räterepublik proklamiert.
    Der Ministerpräsident wurde zwar Sándor Garbai, aber die wirkliche führende Rolle hat Außenkommissar Béla Kun gespielt, Károlyi hat aber durch Maueranschläge über sein „Zurücktreten“ erfahren. Die anderen politischen Parteien wurden verboten, so haben die Kommunisten die Wahlen im April — mit mehr oder weniger „Korrekturen“ — gewonnen.
   Es wurde die Rote Wache gegründet, man hat mit der Verstaatlichung begonnen, das neue Geld, die Krone — wurde eingeführt und ihren Anfang genommen der grausame Terror und die Massaker haben.

    Béla Kun hat am 24. März die „Friedenskonferenz“ darüber benachrichtigt, dass er geneigt ist, die in dem früheren Belgrader Abkommen bezeichneten Grenzen zu akzeptieren, aber die in der „Vix–Note“ Festgehaltenen unter keinen Umständen.

    Dass sich die Kommunisten, nach dem um jeden Preis Frieden suchenden Károlyi, dem Befehl der Entente plötzlich widersetzt hätten, überraschte die Herrschaften in Paris. Einer wollte sofortige Intervention, um auch das Expandieren des Bolschevismus zu verhüten; einer dachte aber, dass sie mehr mit einem günstigeren Angebot erzielen.
    Zuletzt haben die Letzteren die Oberhand behalten, und am 4. April hat der britische General Jan Christian Smuts in Budapest, "sanftere" Bedingungen mitbringend, angekommen. Aber diese Möglichkeit ist halber des Tüftelns der Räteregierung verflogen.

    Das Land sollte beginnen sich also zum Waffenkampf bereit zu machen: es fing die Werbung der freiwilligen Roten Armee an.„Unter die Waffen!“ Die Rumänen traten in die in der „Vix–Note“ bezeichnete neutrale Zone, und am 30. waren sie schon an der Theiß; während die tschechoslowakischen Streitkräfte bis nach Salgótarján gelangten — aber um die Anweisung von Paris blieben beide Heere vorläufig stehen.

    Nach dem Aufbieten der Budapester Arbeiterschaft näherte sich die Größe der Armee den Präsenzstand von 200 000. Eine eigene Kommandatur nahm das Leiten in die Hände, mit dem Leitung von Generalstabschef Aurél Stromfeld und Kommandanten Vilmos Böhm. Mit dem erfolgreichen Nordfeldzug haben die ungarischen Soldaten die polnische Grenze am 10. Juni, Salgótarján, Miskolc, Kaschau (heute: Košice) und den östlichen Teil von Oberungarn wiedererobernd, erreicht — zugleich die tschechoslowakischen und die rumänischen Heeren von einander abgeschnitten.

    Die Kriegsergebnisse waren von keinem zu großen außenpolitischen Erfolg gekrönt: in dem Ultimatum vom 13. Juni hat der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau die neuen ungarischen Grenzen festgelegt. Demgemäß verlangte er das Abziehen der Soldaten von Oberungarn, und gab ein Versprechen, die rumänische Armee von dem Gebiet zwischen der Theiß und der jetzigen östlichen Grenze von Ungarn zurückzunehmen.Rote Zeitung: „Die Note der Pariser Friedenskonferenz zur ungarischen Räteregierung“
    Die Rote Armee hat die nördlichen Gebiete verlassen, so wurde am 24. Juni das ungarisch–tschechoslowakische Waffenstillstands-Abkommen abgeschlossen. Aber die Rumänen blieben weiterhin an der Theiß, so begann das Vertrauen zur kommunistischen Leitung zu schwinden. Sie versprachen sich auch das Befestigen ihrer eigenen Position von dem am 20. Juli startenden Angriff gegen die Rumänen, aber er ist ziemlich früh zusammengebrochen, und die rumänischen Soldaten sind am 3. August nach Budapest einmarschiert.

    Die Regierung der Räterepublik dankte ab, ihre Mitglieder entflohen nach Wien, die Armee zerstreute sich. Das neue sozialdemokratische Kabinett hat die ‘Christliche Nationalpartei’ von István Friedrich am 6. mit rumänischer Assistenz gestürzt. Die Rumänen haben jenseits der Theiß ihre eigene Militärverwaltung — in der Hoffnung, dass sie damit die Landesgrenze an der Theiß erzwingen können — eingeführt,Rumänische Soldaten in der ungarischen Hauptstadt sonstwo beließen sie die ungarischen Ämter.
    Den westlichen und südlichen Teil des Gebietes zwischen der Donau und Österreich überwachte die ‘Nationalarmee’, der Verband der gegen die Bolsevisten konstituierte Gegenregierung, unter der Leitung von Exkonteradmiral Miklós Horthy.
    Inzwischen
haben die Rumänen das Land ausgeraubt: in Waggonen beförderten sie das Vieh, Getreide, Lebensmittel, Fabrikausrüstungen, alles nach Rumänien. Wo die Einwohner versucht haben sich zu verteidigen, begannen sie ungeheueres Gennozid, aber meistens brauchten sie noch einmal Anlass zur Unmenschlichkeit: „Die rumänischen Offiziere haben ständig geraubten Wein getrunken, gezeht, und den Soldaten auf den Strassen der Stadt Mädchen einfangen lassen, die sie danach vergewaltigten.“ — wie es ein transsylvanischer Augenzeuge geschrieben hat. Noch von einem Teil des Materials des Budapester Archivs haben sie Besitz ergriffen — und wenn der Präsident der Alliierten Militärkommission, amerikanischer General Harry Bandholtz nicht dazwischengetreten wäre, hätten sie sogar das Nationalmuseum geplündert.

    Die Entente hat inzwischen nach ausführlichem Grübeln mit Horthy, der zwar keine große, aber immerhin tatsächliche Macht hatte, Freundschaft geschlossen. Die Rumänen wurden im November aus Budapest ausgewiesen, für den März gelang es ihnen, sich auch von der Theiß, bis zur späteren Grenze, fortzuscheren. Am 16. November 1919 maschierte Miklós Horthy Ritter von Nagybánya an der Spitze der Nationalarmee nach Budapest ein, dann löste das Kabinett Friedrich die Koalitionsregierung von Károly Huszár entsprechend dem Willen der Ententemächte ab. Ungarn hat also endlich solche Leitung bekommen, die auch im Ausland völlig anerkannt war. Es sah beinahe so aus, dass es sich auch zu normalen Friedensverhandlungen Möglichkeit bietet.